im Programmheft des Silvesterkonzertes 2022/23 des Rundfunksinfonieorchesters Berlin mit Karolina Gumos, Mezzosopran unter Leitung von Vladimir Jurowski
Einen Prolog zu Beethovens 9. Sinfonie zu schreiben, mag vielleicht vermessen erscheinen. In jedem Fall aber ist es eine Herausforderung. Und je mehr ich darüber nachdenke, desto deutlicher werden mir die Gründe, die mich bewogen haben, ein solches Wagnis zu suchen.
Das Werk war bereits bei der Uraufführung 1824 ein grandioser Erfolg. Auch heute, gerade heute trifft es wohl auf den sehnlichsten Wunsch vieler im Publikum, es möge sich alles zum Besseren wenden. Und weil sie so zu Herzen gehen kann, eignet sich diese erhabene, mitreißende Vision Beethovens hervorragend für besonderen Anlässe. Eine Aufführung der „Neunten“ ist immer ein musikalisches Fest.
Mir persönlich war es jedoch auch immer ein wenig suspekt, daß dieses Werk oft zu großen, staatstragenden Ereignissen im Osten und im Westen Deutschlands gleichermaßen auf dem Programm stand. Von der zynischen, mißbräuchlichen Verwendung im Dritten Reich und anderen Diktaturen einmal ganz abgesehen.
Unabhängig davon, wie eine Aufführung zustande kommt: es sind die Menschen, die berührt werden, wenn sie der Freude, dem Jubel folgen können, oder – vielleicht noch wichtiger – wenn sie aus dieser Vision Kraft schöpfen, weil die Verhältnisse gerade nicht zum Jubeln sind. Doch gilt es, sich berühren, aber nicht verführen zu lassen! Die Gedanken sind frei und die Empfindungen lügen nicht bei echter Musik. Da kommt mehr ´rüber, als in den Noten steht. Denken wir an den Jubel zur Öffnung des Brandenburger Tores zu Weihnachten 1989, als Leonard Berstein spontan anreiste, die „Neunte“ u.a. auch hier im Konzerthaus zu dirigieren. Oder eben an ein Silvesterkonzert wie dieses, in der sich eine jede, ein jeder nach einer ausgedehnten musikalischen Reise im Schlusschor wiederfinden und von seinem „drive“ mitreißen lassen kann, das alte Jahr bedenkend und auf das neue hoffend.
Doch bei aller Liebe zur klassischen Musik: ein vorwiegend am Kunstgenuss oder privatem Repräsentationsbedürfnis orientierter Gebrauch geht an einer wirklichen Rezeption, an der hörenden Erfahrung des spirituellen Gehalts, vorbei. Mit wachen Sinnen steigert sich das Vergnügen! Kunst, die sich nicht nur als Ornament versteht, braucht Auseinandersetzung, um lebendig zu bleiben. Vor allem wenn sie schon 200 Jahre alt ist und wir heute schließlich auch nicht mehr mit der Postkutsche reisen.
Haben Sie sich einmal Schillers „An die Freude“ genauer angesehen?
Für eine Dresdner Freimaurerloge im Jahr 1785 eher als Gefälligkeit verfasst, entsprachen die Verse zwar der vorrevolutionären Grundstimmung, gehörten aber sicher nicht zu den Meisterwerken des Dichters. Schiller selbst war später gar nicht mehr so erfreut über die erfolgreiche Verbreitung seines Trinkliedes. Im Jahr 1800 wäre eine Sammlung mit 14 verschiedenen Vertonungen des Textes erschienen, schreibt der Beethoven-Biograf Jan Caeyers. Bei der Uraufführung der Neunten Sinfonie war Schiller bereits 19 Jahre tot, die gesellschaftlichen Verhältnisse im Allgemeinen und die persönliche Umstände Beethovens waren wohl eher unerfreulich und frustrierend. Das Beethoven-Portrait des Malers Ferdinand Georg Waldmüller aus dem Jahr 1823 läßt ahnen...
Beethoven hat seinen Sängern nur 1/3 der schillerschen Verse in den Mund gelegt, der Rest schien ihm vielleicht damals schon bedenklich. Aber auch im Text, wie Beethoven ihn verwendet, gibt es einige Passagen, auf die wir lieber nicht so genau schauen mögen. Bei „...ja – wer auch nur eine Seele sein nennt auf den Erdenrund! Und wers nie gekonnt, der stehle weinend sich aus diesem Bund!“ sollte man denken, wahre Brüderlichkeit hätte einen bedauernswerten Menschen in sich aufgenommen, statt ihn durch Ausschluss erneut zu strafen. Und bei den Worten „...laufet, Brüder, eure Bahn, freudig wie ein Held zum Siegen“ kommt mir jetzt eher der Gedanke, daß es vielleicht besser wäre, den Lauf einiger Brüder zu stoppen, sie aus ihrer Bahn zu kegeln, bevor sie heldenhaft siegen und die Welt wieder einmal in Schutt und Asche liegt oder Dürre und Sintflut anheim fällt. Auch wenn Schiller das sicher noch anders gemeint hatte. Können solche Gedanken nun die Freude des Abends trüben? Ich hoffe nicht.
Es wird Sie vielleicht überraschen: ich denke, der Text ist zwar wichtig, vor allem für die Sängerinnen und Sänger, aber ihn zu verstehen ist nicht wirklich nötig. Das glauben Sie nicht? Nun - stellen Sie sich vor, Sie säßen im Konzert und wären der deutschen Sprache nicht mächtig. Vielleicht würden Sie gern wissen wollen, was gesungen wird, aber es ginge Ihnen vom Geist dieses Gesangs, von der wahrhaftigen Emphase, von der Eindringlichkeit und dem Gefühl „droben überm Sternenzelt...“ vermutlich nichts verloren! Ist das nicht genial? Die Verse Schillers veranlassen Beethoven zu einer Musik, die den Sinn der Worte dermaßen in sich aufnimmt, mit seiner eigenen Vision von Menschlichkeit, mit seiner Hoffnung trotz widriger Umstände auflädt und zu einer Kulmination bringt, in der sich die Worte aufzulösen scheinen.
Mein Wunsch wäre: nach dem Prolog hören Sie die „Neunte“ etwas anders als bisher. Ich bin sehr froh, daß mir Kerstin Hensel mit eignen und schillerschen Worten einen Text gemacht hat, der nach unserer heutigen Position, nach unserem Einsatz fragt. Auch die Musik stellt infrage. Aber nicht Beethoven oder Schiller, sondern uns. Möge sich bereits im Prolog ein Ganzes ergeben, das die Wahrnehmung aktiviert, die Sinne schärft und auf die große Vision lenkt, derer wir heute wie zu Beethovens Zeiten so dringend bedürfen.
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