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Laudatio auf Gerhart Baum anläßlich der Verleihung der FEM-Nadel am 16.10.2015 in Donaueschingen


Sehr verehrter, lieber Herr Baum,

sehr geehrter Herr Oberbürgermeister Pauly,

sehr geehrter Herr Bürgermeister Kaiser,

sehr geehrter Herr Bunse von der Gesellschaft der Musikfreunde Donaueschingen,

sehr geehrte Damen und Herren,

gelegentlich ist eine Meinung anzutreffen, dass ein Künstler, der sich um etwas anderes als um seine Kunst kümmert, keiner sei. In der Tat gilt Egozentrik vielen als Tugend eines Künstlers, sie wird von Außenstehenden oft sogar erwartet. Wenn Künstler sich aktiv in andere berufliche oder gesellschaftliche Zusammenhänge begeben, erfährt ihre Kunst schnell eine geringere Wertschätzung. Mag nun der Bereich der Kunstwissenschaft oder der Kunstpädagogik oder auch die Arbeit in einem berufsbezogenen Verein noch einigermaßen nahe liegen – auf dem Feld der Politik sind nur äußerst selten ausgewiesene Künstler anzutreffen, sicher auch aus dem genannten Grund.

So gab es in der 17. Legislaturperiode des Deutschen Bundestages von 2009-2013  622 Mitglieder, darunter immerhin eine junge Abgeordnete aus Bayern für Bündnis 90/Grüne mit einem Konzertexamen als Pianistin. Ansonsten waren Beamte und Angestellte des öffentlichen Dienstes mit ca. 35%, Angestellte von politischen und gesellschaftlichen Organisationen mit ca.16%, freie Rechtsanwälte und Notare mit 11%. vertreten. Da auch unter den beiden erstgenannten Gruppen zahlreiche Juristen sind, kann man getrost von einem Anteil dieser Berufsgruppe unter den Mitgliedern des Bundestages bei weit über 1/3 ausgehen.(1)

Sie, verehrter Herr Baum, sind Jurist und haben dem Deutschen Bundestag von 1972 bis 1994 angehört, mithin 22 Jahre.

Von 1972 bis 1982 waren Sie für die FDP Mitglied der Bundesregierung, zunächst als parlamentarischer Staatssekretär und von 1978 bis 1982 als Bundesinnenminister, von dem Heinrich Böll einmal sagte, er sei der beste Bundesinnenminister, den wir je hatten.

Ein prominenter Mann also, als Regierungsmitglied maßgeblich für die Geschicke der Bundesrepublik Deutschland verantwortlich. Nach dem Bruch der sozial-liberalen Koalition 1982, damals mit dem Wort „Wende“ bezeichnet, lehnten Sie das Angebot ab, unter Helmut Kohl an der Seite des neuen CSU-Innenministers Friedrich Zimmermann das Amt des Bundesjustizministers zu bekleiden, blieben jedoch in vielen wichtigen Funktionen aktiv, so zum Beispiel als Leiter der deutschen Delegation bei der UNO-Menschenrechtskommission in Genf oder als UNO-Sonderberichterstatter für die Menschenrechte im Sudan.

Sie werden sich sicher nicht mehr erinnern: ich begegnete Ihnen vor etwa 10 Jahren einmal auf dem Flur in der Berliner Musikhochschule „Hanns Eisler“. Ich glaubte meinen Augen nicht zu trauen und fragte: „sind Sie nicht der Herr Baum?“ Sie antworteten mit „Ja“ - das hatte mir dann erst einmal die Sprache verschlagen. Ein Exot, dachte ich. Aus meiner heutigen Sicht würde ich hinzufügen: so ähnlich wie eine Pianistin im Bundestag.

Ihr kulturpolitisches Engagement abseits der großen Politik habe ich seinerzeit erstmals und mit größter Ver- und Bewunderung wahrgenommen. Ihre klaren Worte zum Kulturauftrag des öffentlich-rechtlichen Rundfunks haben mich stark und nachhaltig beeindruckt. Des öfteren sah ich Sie dann auch zu Konzerten der Neuen Musik in Berlin, in Begleitung Ihrer Frau Renate, von der Sie schreiben, Sie hätte Ihnen als Musikerin besonders auch die zeitgenössische Musik nahe gebracht.

Freilich hätte ich schon mehr von Ihrem Einsatz für die kulturellen Rahmenbedingungen in der Bundesrepublik Deutschland wissen können. Aber als Künstler, der sich ja - wie eingangs gesagt – eigentlich vorrangig um seine Kunst kümmern sollte, und darüber hinaus noch darauf achten muss, dass sie ihn halbwegs ernährt, lag es doch etwas außerhalb meines Blickfeldes. Da ich annehme, dass es einigen meiner Kollegen ähnlich geht, will ich an dieser Stelle gern an ein paar Ihrer Verdienste - lieber Herr Baum - insbesondere für den künstlerischen Bereich erinnern.

Zu der Zeit, als Sie Bundesinnenminister waren, gehörte unter anderem die Kultur zu Ihrem Ressort. Sie waren damit auch der Kulturminister. Unter Ihrer Leitung wurde das Künstlersozialversicherungsgesetz entwickelt und 1981 in den Bundestag eingebracht, das schließlich zur Gründung der Künstlersozialkasse führte. Wie wir wissen, ermöglicht diese freischaffenden Künstlern und Publizisten einen Zugang zur gesetzlichen Kranken-, Pflege- und Rentenversicherung.

Im Gegensatz zu freiwillig versicherten Selbständigen zahlen sie dort nur einen Beitrag, der dem von Arbeitnehmern entspricht. Die andere Beitragshälfte tragen die „Verwerter“ künstlerischer und publizistischer Leistungen in Form der pauschal umgelegten Künstlersozialabgabe.

Diese gesetzliche Regelung wurde im Vorfeld durchaus kontrovers und heftig diskutiert. Gab es doch nicht wenige Verbände und Vereinigungen, die dies für alle anderen freien Berufe ebenso forderten.

Nach Angaben der KSK fördert der Staat mit der Künstlersozialversicherung selbständige Künstler und Publizisten, 'da diese Berufsgruppe sozial meist deutlich schlechter abgesichert ist als andere Selbständige. Das ist nicht nur eine sozialpolitische, sondern auch eine kulturpolitische Errungenschaft. Denn mit dieser Einrichtung der KSK wird die schöpferische Aufgabe von (freien, unabhängigen) Künstlern und Publizisten als wichtig für die Gesellschaft anerkannt.' (2)

Sie, verehrter Gerhart Baum, haben einen entscheidenden Anteil daran. Auch gab es in Ihrer Amtszeit erste Schritte in Richtung auf eine gesamtstaatliche Verantwortung für die Kultur, der später die Einrichtung der Kulturstiftung des Bundes wie auch die Herauslösung des Kulturressorts aus dem Innenministerium und die Einsetzung eines Bundesbeauftragten für Kultur und Medien folgten.

Doch auch auf nicht-staatlichem Level waren und sind Sie in Sachen Kultur – insbesondere auch in Sachen Neue Musik unterwegs. Anstelle einer Aufzählung Ihrer Interventionen zu den verschiedensten Themen wie Kunst am Bau oder jüngst zum Verkauf von Kunstwerken aus öffentlichen Museumsbeständen mag ein Zitat aus Ihrem Buch „Meine Wut ist jung“ stehen, bezeichnenderweise zum Thema öffentlich-rechtlicher Rundfunk:

Der öffentlich-rechtliche Rundfunk hat eine ganz wichtige Funktion im Bereich der Kulturförderung und Kulturvermittlung. Sein Kulturauftrag ist verfassungsrechtlich verankert. Und dem muss er gerecht werden – anders als bei den privaten Sendern. Das Verfassungsgericht hat wiederholt ausgesprochen, dass dies auch bedeutet, hochwertige künstlerische Produktionen zu fördern, die kein großes Publikum finden und mitunter viel

Geld kosten. Er ist also verpflichtet, ein Minderheitenprogramm zu finanzieren. Im Bereich der Musik bedeutet das auch die Unterhaltung und Pflege der Radio-Sinfonieorchester und Chöre, die Vergabe von Kompositionsaufträgen und deren Realisierung und so weiter. Dieser Kulturauftrag gerät vor allem durch das unangemessene, vom Fernsehen herüber gespülte Quotendenken immer mehr in Gefahr. Ich habe in den letzten Jahren bei so manchen Initiativen gegen den Abbau des Kulturradios mitgewirkt. Einige waren erfolgreich, wie zum Beispiel eine Initiative gegen die Austrocknung der Donaueschinger Musiktage, die vom SWR veranstaltet werden. Ich habe vor einigen Jahren auch der Initiative „Das GANZE Werk“ angehört. Hier haben wir uns gegen die Häppchenmusik in den Kultursendern gewehrt, wenn also immer nur Ausschnitte oder einzelne Sätze aus ganzen Werken zu Gehör gebracht wurden, weil das vollständige Werk dem „neuen“ Hörer nicht zuzumuten sei.(...) Die Rundfunkgebühr ist nicht nur ein reines Finanzierungselement, sie dient auch der Qualitätssicherung. Oder zahlen wir inzwischen Gebühren für unsere intellektuelle Unterforderung? Die Verteidiger des öffentlich-rechtlichen Systems sehen mit Bestürzung, wie seine Existenz durch Vernachlässigung des Kulturauftrags aufs Spiel gesetzt wird.“ (3)

Da wir nun in Donaueschingen sind: Wenn Gerhart Baum in diesem Zitat von der Mitwirkung an einer erfolgreichen Initiative gegen die Austrocknung der Donaueschinger Musiktage spricht, so kommt das einigermaßen harmlos daher. Ich möchte die Gelegenheit nutzen, dies etwas zu präzisieren.

Es war wohl so, dass im Jahr 2007 der damalige Kulturstaatsminister Bernd Neumann aufgrund des engagierten Plädoyers von Gerhart Baum dem Stiftungsrat der Kulturstiftung des Bundes die ungeschmälerte Fortsetzung der Finanzierung der Donaueschinger Musiktage empfohlen hat, und zwar entgegen den ursprünglichen Vorlagen.

Sehr geehrter Herr Baum“ - diese Anrede ist wörtlich zu nehmen, denn Sie sind bereits sehr oft und sehr hoch geehrt. So beispielsweise mit dem Theodor-Heuss-Preis für die Stärkung der Bürger- und Freiheitsrechte, mit dem Erich-Fromm-Preis für Ihre Streitschrift „Bürgerfreiheit contra Sicherheitswahn“, mit dem Giesberts-Lewin-Preis der Kölnischen Gesellschaft für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit, dem Preis der Arnold-Freymuth-Gesellschaft für Zivilcourage und Verdienste um den demokratischen Rechtsstaat, auch mit der „silbernen Stimmgabel“ des Landesmusikrates NRW für besondere Verdienste um das Musikleben – um nur einige zu nennen.

Es wird daraus ersichtlich, wie sehr Ihr umfassendes Wirken als Politiker und engagierter Bürger wahrgenommen und für wichtig erachtet wird.

Doch sind Sie auch als Laudator hervor getreten. Es mag vielleicht deplaciert erscheinen, dennoch möchte ich einiger dieser Anlässe benennen, weil sich mit ihnen das Bild Ihrer Person komplettiert.

So beispielsweise Ihre Laudatio auf Heribert Prantl zum Geschwister-Scholl-Preis 1994. (Darin finden sich übrigens Bemerkungen zur Asyldebatte, die gerade in der heutigen Situation, also 20 Jahre nachdem sie geschrieben wurden, von höchster Aktualität sind.) Oder aus jüngerer Zeit die Laudatio auf Helmut Lachenmann zur Verleihung der Ehrendoktorwürde der Musikhochschule Dresden, oder die Laudatio auf Edward Snowden anlässlich der Verleihung der Carl-von-Ossietzky-Medaille der Internationalen Liga für Menschenrechte im Dezember 2014 in der Berliner Urania.

Nun also die Ehrennadel der Fachgruppe E-Musik im Deutschen Komponistenverband.

In besagter Fachgruppe haben sich Komponisten zusammengefunden, die sich trotz ihrer Individualität als Künstler gemeinsam um die Erhaltung und Verbesserung der Lebens- und Arbeitsbedingungen ihrer Berufsgruppe einsetzen, oftmals unter erheblichem Arbeitsaufwand und unter Vernachlässigung eigener Interessen. Dabei geht es uns sowohl um sehr begrenzte und konkrete, fachspezifische Dinge als auch um größere, kulturpolitische und gesamtgesellschaftliche Zusammenhänge. So zum Beispiel im Wirken für einen Fonds Neue Musik, der sich nun auch Dank des Deutschen Musikrates im Koalitionsvertrag findet.

Wir sehen Sie, verehrter Herr Baum, gleichermaßen als Vorbild wie als Mitstreiter in dieser Sache.

Wenn man nun von einem wirklichen Künstler erwartet, dass er sich voll und ganz der Kunst widmet, dass ihm ein künstlerisches Ziel vor Augen steht, ja sogar dass er alles, was er sieht und hört, zu Kunst macht, dann gilt für einen wirklichen Politiker wohl, dass er sich dem, was er hört und sieht nach Kräften widmet, um ein gesellschaftliches Ziel, das ihm vor Augen steht zu verwirklichen, eine Gesellschaft, in der die Menschen sich in Frieden und in gegenseitigem Respekt voreinander frei entfalten können.

Hierin könnte man vielleicht sogar eine Parallele zwischen einem wirklichen Politiker und einem wirklichen Künstler erblicken, nämlich: Nicht lassen können von dem, was man meint, dass es nötig sei.

So wollen wir Komponisten der Fachgruppe E-Musik im Deutschen Komponistenverband Sie, lieber Herr Baum, mit der ersten FEM-Nadel ehren, die wir vergeben. Und wir sind auch ein wenig stolz darauf, dass Sie diese unsere Ehrung angenommen haben. Belegt es doch ein weiteres Mal die Wertschätzung des Komponistenstandes Ihrerseits. Mit Ihnen als dem Ersten setzen wir auch einen Maßstab für die weiteren Jahre. Dies spornt an und wir hoffen, diesem Anspruch gerecht werden zu können.

Lieber Herr Baum, ich darf Sie nun zu mir bitten, die Ehrung entgegenzunehmen.

  1. Melanie Kintz: Die Berufsstruktur der Abgeordneten des 17. Deutschen Bundestages, unter /http://www.zparl.nomos.de/fileadmin/zparl/doc/Aufsatz_ZParl_10_03.pdf)

  2. aus der KSK-Kurzcharakteristik, unter http://www.kuenstlersozialkasse.de

  3. Gerhart Baum: „Meine Wut ist jung“ - Bilanz einbes politischen Lebens, im Gespräch mit Matthias Frank / Kösel-Verlag München 2012


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