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Experiment DDR
für POSITIONEN Heft 81 / 2009

...immer wieder mal und jetzt besonders häufig hört man vom gescheiterten Experiment DDR... WAR DIE DDR EIN EXPERIMENT? (hier stock´ ich schon...) Also ich stelle mir ein Experiment so vor: in einer Versuchsanordnung unter vorgegebenen Rahmenbedingungen beobachte ich was passiert, wenn ich einen oder mehrere Parameter/Rahmenbedingungen ändere, und zwar von einer gesicherten Position aus, die es mir erlaubt das Experiment abzubrechen bevor ich mich selbst gefährde. THE POINT OF NO RETURN - wie mag es zugegangen sein auf den Entdeckerschiffen von dem Tag an, als klar wurde, dass die Lebensmittel nicht mehr für die Rückfahrt reichen würden? Da muss das Verlangen nach dem Ziel größer sein als die Angst, soll es weiter vorwärts gehen. Und es braucht einen glücklichen Wind. Und WACKERE GEFÄHRTEN. Für Komponisten in der DDR gab es solche bis zu einem gewissen Grade durchaus, im Rundfunk, in Theatern und Orchestern, im Komponistenverband oder auch im Kulturbund. Doch offiziell hieß es eher: KEINE EXPERIMENTE. Gleichwohl wurde viel experimentiert. Ich erinnere mich gern daran, musikalische Versuchsanordnungen bezüglich solcher Parameter wie Funktionärs-verträglichkeit oder Publikumsirritationsgrad Belastungstests unterzogen zu haben, mit großer Lust. Es waren bestimmte Verstärkungsfaktoren zu berücksichtigen, die Verwendung von Texten hatte Katalysator-funktion. RISIKEN UND NEBENWIRKUNGEN waren oft schwer kalkulierbar und in den meisten Fällen selbst zu tragen, einen Arzt oder Apotheker oder Verbandsfunktionär zu befragen verbot sich von selbst. Eines dieser Risiken war z.B. das Knüpfen von Westkontakten. Vom Komponistenverband höchst beargwöhnt und möglichst unterbunden, stieg gleichzeitig die offizielle Wertschätzung (und manchmal auch die unter den Kollegen), war man darin erfolgreich, kam es zu Einladungen. REISEFREIHEIT war sicher eine feine Sache aus einem warmen Bau heraus, und wie frei gereist werden konnte, hing mit dem offiziell zuerkannten Status zusammen. Ich selbst kam erst sehr spät und eingeschränkt dazu - doch immerhin. Ab November 1989 jedoch lief irgendetwas schief mit dem Experiment, denn der Startpunkt der Reise befand sich plötzlich mitten im Ziel. Mich hat das nicht sonderlich irritiert, problematischer war, dass die FREIRÄUME sehrt bald wegfielen, in denen ich und meine Frau und engste Arbeitspartnerin Susanne Stelzenbach gut arbeiten und wir unseren Lebensunterhalt verdienen konnten: der Rundfunk mit seinen anspruchsvollen Hörspielproduktionen, der auch eine anspruchsvolle Musik zu bezahlen bereit war. Oder in meinem Fall das Maxim-Gorki-Theater Berlin, an dem meine Arbeit sehr geschätzt wurde und das sich mit mir auf das Experiment einer grotesken Oper für Schauspieler einließ. Bezahlt wurde dies - wie viele Kompositionsaufträge - vom Kulturfonds der DDR, der später in eine Stiftung umgewandelt wurde, die später zerbröselte... Das alles ging freilich nur BIS ZU EINEM GEWISSEN GRADE, nämlich so lange, wie die persönlichen QUERSTÄNDE zur gesellschaftlichen Umgebung/zur Einmischung in die inneren künstlerischen Angelegenheiten/zur freundschaftlich-umklammernden Umarmung des Verbandes nicht so offen zutage traten, dass einem schließlich nur noch die Ausreise blieb. Ich war froh, nicht in eine solche Situation gekommen zu sein. Mir ging es soweit gut, aber es zeichneten sich auch Tendenzen ab, die mich ein paar Jahre später durchaus an diesen Punkt hätten bringen können. Wenn man sich in einem künstlerischen Bereich bewegte, der nicht offiziell „eingetaktet“, oder gar eine EIGENINITIATIVE starten wollte, die nicht vom Komponistenverband mitgetragen war (so wollte ich einmal einen amerikanischen Komponisten, der in Polen studierte und den ich auf dem Warschauer Herbst kennen gelernt hatte,ein-laden, im Verband sein Buch über Multiphonics beim Fagott vorzustellen) - da wurde es sofort schwierig. Und als ich nach mehreren Gesprächen noch immer nicht in die Partei eintreten wollte, ging es auch etwas langsamer mit der „Karriere“. Nun ja, wichtiger war mir AUTHENTIZITÄT. Man war ja nicht gezwungen Karriere zu machen. Eine solche Haltung war unter Ingenieuren / Ärzten / Wissenschaftlern meiner Generation in der DDR weit verbreitet und wird aus westlicher Sicht leider oft damit verwechselt, dass man nur zu blöd dazu war! Denn im westlichen Selbstverständnis gilt Karriereabsicht eher als eine Tugend. (Später dann habe ich oft beobachten können, dass der Druck des Geldes stärker und nachhaltiger wirkt als der Druck irgendeiner Ideologie.) Als die Wende kam, war ich in der DDR als Komponist bereits zu bekannt, um vom WESTEN noch entdeckt zu werden, aber nicht bekannt genug, als dass ich daran im OSTEN, der jetzt der Westen war, hätte anknüpfen können. Doch zeigt sich immer wieder, dass die radikale Änderung von Lebensumständen auch eine CHANCE ist, eingefahrene Muster zu überprüfen. Ich weiß nicht, ob ich meine “Westkollegen“ bedauern oder dazu beglückwünschen soll, im Allgemeinen nicht in dieser Situation gewesen zu sein. Das eigene Leben ist eben kein Experiment. Was bleibt, was hilft, ist ARBEIT.
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