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verzeihung, der kopf
Kammerszene
für Sopran, Alt, Tenor, zwei Sprecher,
Bassklarinette (Altsaxophon), Kontrabass,
Tonband, Klavier und Live-Elektronik (1993/94)
(Komposition und Text in Co-Autorenschaft mit Susanne Stelzenbach)

Auftragswerk der Musikbiennale Berlin / UA am 18. 3. 1995 / ca. 55 min

Susanne Stelzenbach, Klavier musikalische Leitung
Katia Guedes de Souza, Sopran
Elvira Dreßen, Alt
Andreas Schmidt, Tenor
Gerold Gnausch, Bassklarinette
Martin Schaal, Kontrabass
Hannelore Koch, Sprecherin
Daniel Minetti, Sprecher
Ralf Hoyer, Live-Elektronik, Tonregie

Ausschnitt (12:37) auf CD:
MUSIK IN DEUTSCHLAND 1950-2000 SPRACHKOMPOSITIONEN
BMG-RCA RED SEAL 74321 73533 2


Auszug aus dem booklet-Text zur CD von Werner Klüppelholz (2001)

... Das insgesamt fast einstündige Stück, das der sprachlichen Semantik breiten Raum einräumt, beruht zum einen auf den Assoziationswirkungen von Sprachlauten, zum anderen auf einem seriösen Unsinnstext. Seriös insofern, als fragmentarische Zitate oder zumindest Allusionen an Shakespeare, Goethe, Hölderlin, Heine, Robert Walser und anderen das sprachlich- lautliche Gewebe durchziehen, unsinnig absurd deshalb, weil die Bruchstücke kaum jemals einen Sinnzusammenhang ergeben. Irrational, wie im Traum, fließt ein subjektiver Stream of Consciousness vorüber, der gleichsam schwimmende Inseln aus Ironie oder Beklemmung mit sich führt. Die erhöhte Bedeutung sprachlicher Semantik wird hier bereits an der ausdrücklichen Verwendung von zwei Sprechern erkennbar, wie überhaupt ein kontrapunktisches Verhältnis zwischen Sprechen und Singen, Wörtern und Lauten, vokalen und instrumentalen Teilen die Komposition durchzieht.


Auszug aus dem Programmheft der Uraufführung von Habakuk Traber (1995)

Akribisch genau ist die Partitur von Ralf Hoyer und Susanne Stelzenbach ausgearbeitet. Der Kammerszene kann man sich gedanklich auf verschiedenen Wegen nähern. Einer davon führt über Vergleiche und Analogien. Es ist eine alte Sehnsucht des homo sapiens, sein Innenleben zu erforschen und zu erkennen, zu wissen, was in seinem Kopf vor sich geht, in diesem Wunderwerk namens Gehirn. „Wenn man‘s nur lesen könnt‘“, lässt Büchner seinen Woyzeck über die Geheimnisse der Natur sagen. Man kann‘s nicht. So genau kennt man nicht einmal sich selbst. Man kann aber eine Ahnung davon empfangen, und zwar beim Übergang vom Wachen zum Schlafen, in jenen wenigen Augenblicken, in denen die Sinne sich verrücken. Wer kennt nicht die Situation des Einnickens, den allmählichen Sieg der Müdigkeit über den Wunsch, wach zu bleiben? Merkwürdige Bilder entstehen, wenn die zerebrale Schaltstelle für Optisches nicht mehr mit Signalen vom Auge versorgt wird. Der Raum der Wahrnehmung erweitert sich gleichsam nach hinten, das Sichtbare und das Erschaute kontrastieren bisweilen auf wahnsinnige Weise...

Die kurze Phase, in welcher der Kopf seine Unabhängigkeit vom Willen erklärt und sich selbständig macht, steckt voller rätselhafter, aber zugleich aufschlussreicher Impressionen. Hier ahnt man die spontane Produktivität der Wirren oder des Wirren... Ralf Hoyer und Susanne Stelzenbachs Kammerszene komponiert zu weiten Teilen Sprachzustände. Doch das erste Wort haben die Instrumente. Der ca. dreiminütige Prolog bewegt sich in den Tiefenbezirken des Klangs, dort, wo unsere übertragenden Vorstellungen Dunkles, Finsternis vermuten. Aus langen, gehaltenen Tönen lösen sich verstreut rasche Tonfiguren, Gesten, die Gestalt gewinnen, Grundtypen musikalischer Bewegung, die sich im Laufe des Stücks noch öfter einfinden. Dann nach dem Erforschen der Klänge am Rande der Stille, ereignet sich der erste Einsatz der menschlichen Stimme. Alle beteiligen sich daran. Man hört Silben, stimmliche Bögen, ein genau organisiertes Geflecht von Worten. Einzelne heben sich heraus, doch sie fügen sich nicht zum Text zusammen, verdichten sich nicht zur Botschaft. Laute, Konsonanten spalten sich ab. Die Sprache löst sich auf. Einzelne gesungene Töne blitzen durch. Der Kontrabass reagiert mit einem Solo auf das Stimmengewirr, imitiert es, transponiert es, agiert „klangbrüchig“ in extremer Höhe. Sein Auftritt hat Folgen: Die Instrumente mischen sich nun auch ins Klang- und Bühnengeschehen ein.

Die erste Hälfte des Werkes endet mit einer großen Gesangsszene. Der Tenor führt sie an, kommuniziert, was seine gestischen Ideen betrifft, mit dem Kontrabass. Zusammenhängender Text bildet sich, Zitate aus dem verinnerlichten Schatz einmal gelernter Sprachkunstwerke tauchen auf, eine Serie von Worten, die mit der verneinenden Silbe “un-“ beginnen, schiebt sich dazu - jene Vokabeln also, aus denen die Drohungen und Schwüre, aber auch die Namen gesellschaftlicher, menschlicher Defizite sind: eine erregende Collage aus Gesang, Sprache, instrumentaler Aktion. Schmale Brücken verbinden die verschiedenen Ebenen des musikalisch-theatralischen Prozesses miteinander - Worte, Silben, Laute, aber auch musikalische Motive wie die chromatischen Verschlingungen, in den sich der „Wahnsinn“ zeigt, die festgehaltenen, zähen Repetitionen der „Lähmung“, die gezogenen, langen Figuren des Kontrabasses, die sich aus allmählich einschwingenden Trillern lösen. Das Ohr bekommt Anhaltspunkte, jene Anker der Erinnerung, um die sich leicht Wirbel bilden. Das Ende setzen Sopran und Alt, synchron sprechen sie einen der wenigen Sätze, die durch keine begleitende Textur in Frage gestellt werden.

Der Gesangsszene folgt gleichsam als Gegenstück das Konzert, ein längerer, durch Pausen gegliederter Instrumentalsatz, der sich aus kleinen Fragmenten schließlich zum größeren Zusammenhang mit wachsender Aktionsdichte formt... Die Szene schließt, nach allmählich dissoziierenden Sprechpassagen, mit verfremdeten Stimmen. Das musikalische Ende bleibt offen wie der Text: „manchmal weiß ich es, manchmal weiß ich es nicht, manchmal tu‘ ich es, manchmal...“.

Die Kammerszene bewegt sich vorwiegend in leisen Bereichen, kräftigere Lautstärken markieren die Ausbrüche daraus, bilden aber nicht die Basis. Die Stimmen müssen äußerste Höhen bewältigen. verzeihung der kopf ist kein Werk des Mittelmaßes, weder in ästhetischer noch in phonetischer Hinsicht. Es ist eine äußerst dichte Fusion von Musik und Theater.
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